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Rezension zu
[ . . . ] "Nar­ziss oder Narr?
Gün­ther An­ders im Spie­gel sei­ner Ver­eh­rer und Ver­äch­ter

Von Alex­an­der Kiss­ler (Süd­deut­sche Zei­tung)

Im hohen Alter hielt sich [...] Günther Anders für den "in­ter­na­ti­o­nal nam­haf­tes­ten ös­ter­rei­chi­schen Ju­den" nach Bru­no Kreis­ky und Si­mon Wie­sen­thal. Dem ei­ge­nen Va­ter hin­ge­gen, dem Ent­wick­lungs­psy­cho­logen Wil­helm Stern, der al­les da­ran ge­setzt hat­te, ein gu­ter, un­auf­fäl­li­ger Deut­scher zu sein, warf er vor, ein blo­ßer Epi­go­ne ge­we­sen zu sein: "Du bist ei­ner. Ich bin hun­dert. / Aber ich, in je­der Stun­de, / wechs­le Her­kunft und Ge­sicht. / Heu­te heiß ich wie der ei­ne / mor­gen wie der an­dre hieß." Al­so wur­de aus Gün­ther Stern Gün­ther An­ders, ein Mär­chen­er­zäh­ler und Kul­tur­the­ore­tiker, Apho­ris­ti­ker und Atom­geg­ner, Ta­ge­buch­schrei­ber und Me­di­en­kri­ti­ker, der sich über al­le Ver­su­che, dem Da­sein Sinn ab­zu­ge­win­nen, herr­lich auf­re­gen konn­te: "Schon der Aus­druck ,Ur­sprung‘ bringt mich zur Ra­se­rei. Aus der Frem­de ha­be ich mei­ne Kräf­te ge­zo­gen." Auch da­rum zer­streu­te er in aber­hun­dert Seins­wei­sen sein lau­ni­sches, ort­lo­ses Ich, das ihm nur so zu bän­di­gen schien.

Welche Spuren aber hat die­ser Wil­le zur Dis­so­zi­a­ti­on im Werk und im Le­ben hin­ter­las­sen? Oder ist die als Fol­ge solch fort­wäh­ren­der Grenz­ü­ber­schrei­tung be­klag­te Außen­sei­ter­rol­le nur Mi­mi­kry, und ent­spricht eher die Po­se des be­deut­sa­men jüdi­schen Re­prä­sen­tan­ten Anders’ narziss­ti­schem Selbst­bild? [...]

Raimund Bahr [...] spürt dem "bei­na­he un­be­merk­ten Le­ben" nach, das der "bei­na­he un­be­spro­che­ne" An­ders bis zu sei­ner Emi­gra­ti­on 1936 und nach sei­ner Rück­kehr 1950 in Wien führ­te. Nur dort, wo "das Ego der An­gel­punkt des Den­kens und Han­delns" ist, ha­be An­ders sei­ne Theo­rie vom un­voll­stän­di­gen, mit sich selbst nicht iden­ti­schen Men­schen ent­wickeln kön­nen. [...] Dirk Röp­cke spricht hin­ge­gen von An­ders als ei­nem "Mensch der Öf­fent­lich­keit, auch in Wien". Ste­fan Bro­ni­ow­ski geht noch ei­nen Schritt wei­ter und er­klärt das ver­meint­li­che Ere­mi­ten­tum zum My­thos. An­ders wer­de heu­te ge­nau­so wie zu Leb­zei­ten viel ge­le­sen und oft zi­tiert, er war und sei ei­ne po­pu­lä­re Figur. In der Tat spre­chen die zahl­rei­chen Prei­se, die der "Ge­le­gen­heits­phi­lo­soph" er­hielt und manch­mal auch an­nahm, ge­gen ei­ne iso­lier­te Exis­tenz am Ran­de.

Im übrigen lässt Broniowski kein gutes Haar am sonst reihum und be­son­ders ein­dring­lich von Konrad-Paul Liess­mann ge­lob­ten Jubi­lar. Ein Ig­no­rant voll "lä­cher­licher Selbst­ver­got­tung" sei An­ders ge­we­sen, un­phi­lo­so­phisch bis ins Mark, be­herrscht ha­be er ein­zig die "mo­ra­li­sche Er­pres­sung" nach dem Mot­to: "Wer mir nicht zu­stimmt, ist ein schlech­ter Mensch." Im­mer­hin kann Bro­ni­ow­ski als Kron­zeu­gen für sei­ne Aver­si­on Um­berto Eco auf­bie­ten, der An­ders den ego­zen­tri­schen, letzt­lich inter­esse­lo­sen Apo­ka­lyp­ti­kern zu­rech­net.

Wer sich - so lautet das Fazit [...] - die Sa­che An­ders’ ganz zu ei­gen macht, der lan­det un­wei­ger­lich bei der Po­le­mik. [...]"

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