Dirk Röpcke

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Didaktische Subversion
Didaktische Subversion
Sven Wernströms Werkent­wicklung

Anares 2013, 378 S., Pb., EUR 39,90
ISBN 978-3-935716-76-5

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[ . . . ] "Indem er für die Ra­di­ka­li­sie­rung der zeit­ge­nös­si­schen For­der­ung nach einer eman­zi­pa­to­ri­schen Kin­der- und Ju­gend­li­te­ra­tur eintrat, also nach Bü­chern, die der per­sön­lichen und ge­sell­schaft­li­chen Be­frei­ung ihrer jungen Leser dienlich sind, war Sven Wern­ström dem kriti­schen Zeit­geist der frü­hen siebziger Jahre eine Nasen­länge voraus." (Gina Weinkauff)

Im deutschsprachigen Raum wurde Sven Wernström, schwe­di­scher Autor bildungs- und ge­sell­schafts­kri­tischer Literatur, die seit den 1960er Jahren sozialistisch am­bi­tio­niert ist, vor allem durch seinen 8-bändigen Knechte-Zyklus bekannt, mit dem er um 1970 herum begonnen und an dem er ein Jahrzehnt geschrieben hatte. Darin erzählt er, orientiert an bekannten Wer­ken von Vor­bil­dern wie z. B. August Strind­berg und Vil­helm Mo­berg, All­tags- und So­zi­al­ge­schich­te ab dem 11. Jahr­hun­dert bis zum Beginn der 1980er Jahre aus der Perspektive der Armen und Geknechteten. Wern­ström unternahm somit den Versuch, Geschichte, wie Walter Benjamin in seinen ge­schichts­phi­lo­so­phi­schen Thesen fordert, vom 'Standpunkt der Besiegten' zu schreiben. Die Rezeption seiner Li­te­ra­tur ist jedoch stark an die politische Auf­bruch­stim­mung, an den Kontext des Entstehens sowie an die Rezeption der Literatur in den emanzipatorischen Be­we­gun­gen ab Mitte der 1960er Jahre und die in ihnen geführten Dis­kur­se gebunden, und gemessen an der Anzahl seiner Leser waren die er­folg­reich­sten Jahrzehnte Wernströms die 1960er und 1970er Jahre. So passte der Knechte-Zyklus dann bereits nicht mehr so recht in die literarische Konjunktur, denn schon in den 1970er Jahren hatte auf dem Buchmarkt ein "Ein­ver­lei­bungs­wett­be­werb um [...] die Be­dürf­nis­se in Jugendkulturen" (Klaus Briegleb) ein­ge­setzt, so dass Au­to­ren emanzipa­torischer Literatur unter immer stärkeren öko­no­misch­en Druck gerieten und ab den 1980er Jahren schließlich vom Buchmarkt ver­schwan­den oder zu etablierten Themen übergingen. Sven Wernström ist der einzige Jugendbuchautor Schwedens, dessen li­te­ra­ri­sches Schaffen bis in die Gegenwart so­zia­lis­tische Positionen bezieht. Seine Ent­wick­lung als po­li­tisch engagierter Schriftsteller wird nun erstmals von seinem Debüt im Jahre 1945 bis in die Ge­gen­wart im Kon­text ge­sell­schaft­licher und litera­rischer Ent­wick­lungen nach­voll­zogen, ana­ly­siert und beurteilt.


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Textauszug

[ . . . ] "Sven Wernström nimmt stets die Position des Aufklärers ein, der 'auf der richtigen Seite' steht. Ziel der 'didaktischen Subversion' ist die Mobilisierung zur Systemopposition. Der Leser soll die axiomatische 'Wahrheit' realisieren. Mit dieser Wahrheit soll er das 'Richtige' und das 'Falsche', das 'Gute' und das 'Böse' erkennen. In personifizierter Form ist das Gute bei Wernström der Beherrschte, der Arbeiter und das Böse der Herrscher, der Kapitalist. Diese Sichtweise trägt Züge der von Horkheimer und Adorno beschriebenen falschen Projektion: Die Hypostasierung der Unteren als die Vertreter des Guten und die Ineinssetzung des (negativen) Verhaltens der Oberen mit dem natürlich Bösen führt zur Abwehr des als schlecht und böse gesetzten Anderen. Die sonst von Sozialisten vertretene materialistische Einsicht, dass jedwede Persönlichkeit gesellschaftlich vermittelt sei, wird von Wernström hier negiert. Sein poetisches Verfahren ist nicht dialektisch, sondern dualistisch. Das Problem der Theodizee, wie das Böse in die gottgeschaffene Welt kam, wandelt er ab: Wie kam das Böse in die von Arbeitern geschaffene Welt? Und er weiß die Antwort: Durch den Kapitalisten. Der Sieg gegen den Kapitalismus wird damit zugleich zum Sieg des Guten. Er bezieht sich in einer Art manichäischen Dialektik von Licht und Finsternis, Gut und Böse zur Beglaubigung dieser 'Wahrheit' auf die Weisheit und das Wissen anderer Schriftsteller, Philosophen, Historiker etc. Darin, im Erkennen der 'notwendigen und ewigen Wahrheit', ist Wernström dann jedoch in seinem Geschichtsverständnis dem Idealisten Augustinus näher als dem Materialisten Marx. Und das mutmaßlich ohne wirkliche Absicht, denn Wernström erkennt Ende der achtziger Jahre: 'Gut und böse sind ja feudale Begriffe aus der schwarzweißen christlichen Vorstellungswelt. Wenn man mit ihnen heute umgeht, muss man sie auf irgendeine Weise in Frage stellen.' (Wernström) Dies zu erkennen und zugleich im eigenen Werk das manichäische Weltbild bis heute aufrechtzuerhalten, ist ein eklatanter Widerspruch in Wernströms Schaffen.
Wernströms Realismuskonzept ist also recht problematisch; vor allem bezogen auf seine Wirkungsintentionen, die er an seinen Realismusbegriff bindet. Er setzt Realismus [...] mit Wahrheit gleich. Doch bezieht Literatur ihren Wahrheitsgehalt nach Herbert Marcuse ja nicht aus der Gleichsetzung von Realismus und Wahrheit, sondern eben gerade aus der Überwindung des Monopols der gesellschaftlichen Realität. Die Transformation der Realität sei 'notwendig [..], um die qualitative Differenz der Kunst, das Anderssein ihrer Wahrheit sichtbar, fühlbar und hörbar zu machen' (Marcuse). Wernströms Gleichsetzung von Realismus und Wahrheit läuft [...] Gefahr, jede transzendierende Qualität seiner Literatur zu vernichten. Damit droht dann aber auch sein Konzept einer 'didaktischen Subversion', die Möglichkeit einer 'Subversion der Erfahrung' (Marcuse) durch Kunst, zu scheitern. Weil sich also seine Literatur letztlich Verfahren der Moderne versagt, vertut Sven Wernström mit seinem Realismuskonzept vermutlich die Chance, mit seinen Texten aufklärerisch und 'subversiv' zu wirken.
Wenn man [...] versuchen möchte, Sven Wernströms Vorstellungen von Sozialismus und auch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialistischen Theorieströmung zu analysieren, stößt man auf ein entscheidendes Defizit. Er stellt nämlich seine Vorstellungen von Sozialismus nie genauer dar. Es finden sich lediglich Theoriefragmente, die er immer wieder in seine Texte, auch in die erzählenden, einstreut. Der Grad der argumentativen Durchdringung seiner Ausführungen erreicht nie diskursiven Charakter. Es bleibt bei Begriffen und Parolen, wie bei der Forderung nach einer politischen Herrschaft des Proletariats und der Überwindung der Ausbeutung durch die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Er nennt immer wieder Marx, Lenin oder auch Mao als seine Gewährsmänner, ohne jedoch auf deren Theorien genaueren Bezug zu nehmen. Sozialismus und Kommunismus scheint er als Synonyme zu verwenden. Eine Differenzierung von Kommunismus und Sozialismus, der von Marx als Vorstufe und erste (niedere) Phase auf dem Weg zum Ziel einer klassenlosen Gesellschaft definiert wird, erfolgt nicht. All das wäre nicht zu kritisieren, engagierte sich Sven Wernström nicht so emphatisch für die Selbstbildung der Unterdrückten durch Literatur und die Sache des Sozialismus und Marxismus. Wernström nutzt jedoch den Marxismus und seine Begriffe nicht als eine sozialwissenschaftliche (Erkenntnis)methode, sondern als Mittel, um eine von ihm politisch gewünschte 'wahre, proletarische Weltanschauung' von einer ihm unerwünschten 'falschen, bürgerlichen Ideologie' zu unterscheiden. Bei der innersozialistisch geführten Debatte um die Systemfrage entscheidet er sich jedoch für keine Seite. Er schwankt dabei, auch wenn in seinen Texten immer wieder viel Sympathie für den Demokratischen Sozialismus anklingt, zwischen der sozialdemokratischen Position der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Sozialismus durch demokratische Reformen anzustreben und dem Ziel, durch die Entwicklung des Klassenkampfes zu einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft zu gelangen. Beide Positionen, die sozialdemokratische wie die revolutionäre Orientierung, werden wiederum in seinen Texten nie genauer ausgestaltet."


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Inhalt

I. Der Weg zum Schreiben
Kindheit. Jugend und Ausbildungszeit

II. Hinwendung zur emanzipatorischen Literatur

III. Protest, Phantasie und Revolution
Zur Zeit der antiautoritären Bewegung

IV. Geschichte der Unterdrückten
Die Knechte-Erzählungen 1973-1981

V. Enttäuschte Hoffnungen
Variationen seit den achtziger Jahren

Werkverzeichnis und umfassende
Bibliographie der Sekundärliteratur

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Summary

Sven Wernström belongs to the Swedish social realist authors of particular importance, because with his Trälarna (Slaves) stories he has contributed significantly to the renewal of the historical young-adult fiction. As an analysis of the development of his work is still pending to this day, it is the aim of this study to for the first time follow, investigate and give an opinion to the different development stages of Wernström's politically committed writing - from his debut in 1945 until today, however, with a focus on the sixties and seventies, and the context of social and literary developments. This focus derives from the thesis that Wernström within about two decades - beginning with the partly documentary story Gården (The Youth Club) in 1958, and ending with the last volume of the novel cycle Trälarna, Trälarnas framtid (20th Century, The Future of the Slaves), in 1981 - developed the characteristics of his educational and social criticism children's literature and young-adult fiction.
Wernström's work is analyzed in the context of Swedish realistic youth literature and its progress - especially the social criticism literature - and in the context of his contributions to the debates about children's literature and young-adult fiction.
The study shows that the development of his work can be divided into four phases, relating to significant changes both in content and thematically, but also in the narration and the creating of his characters:
(1) Sven Wernström starts as an author of formula fiction, books for girls and books for boys.
(2) From the midfifties on he gradually changes his writing of this paraliterature and starts to write emancipatory literature.
(3) From the midsixties on he committed himself to the writing of literature with socialistic ambitions. This third phase is marked by his hope to change the social conditions through the enlightenment of the adolescents by 'didactic subversion'.
(4) This hope of Wernström seems to be disappointed from the eighties on. A growing pessimism is evident in his work. The books became variations on his themes and the narrative styles he developed during the previous phases, influenced by his pessimistic view of society.


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© Dirk Röpcke